Wenn Gäste Gastgeber werden. 10 Projekte für mehr Gastfreundschaft.

Seit Jahrtausenden ist die Menschheit in Bewegung und lässt neue Lebensräume entstehen. So unterschiedlich die Gründe über die Jahrhunderte hinweg waren, sind der Großteil dieser Reisen nicht freiwillig geschehen. Auch heute begeben sich täglich tausende Menschen auf eine gefährliche Reise, in der Hoffnung an einem anderen Ort ein sichereres Leben führen zu können.

Gesucht wird ein neues Zuhause, das nur durch Gastfreundschaft entstehen kann. Die Medien vermitteln häufig, dass geflüchtete Menschen primär Hilfe und Unterstützung benötigen, einen hohen finanziellen Aufwand bedeuten und eine Schwierigkeit für unsere Gesellschaft darstellen. Selten wird erzählt, dass viele geflüchtete Menschen in unserer Mitte Großes für ihre Mitmenschen und Neuankommende tun – und so Gastfreundschaft leben.

Der Sinn in den Gebräuchen der Gastfreundschaft ist: das Feindliche im Fremden zu lähmen. Freuen wir uns über Menschen, die jetzt zu uns kommen und uns beibringen, wie das geht. 

– Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900), deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller

Als ich vor kurzem mein Tourismusmanagement-Studium wieder aufgenommen habe, war für mich klar, dass mich die primär profitorientierte Tourismuswirtschaft nicht wirklich interessiert. Ich wollte mehr über die Möglichkeiten erfahren, die der Tourismus den Themen Integration, Gemeinschaft und Nachhaltigkeit bietet.

Der Tourismus lebt von Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen. Für Geflüchtete kann er eine Chance bieten, denn in der Gastronomie und Hotellerie gibt es durch Sonderregelungen Möglichkeiten, die einen schnelleren Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen.

Für Unternehmen kann es interessant sein, Menschen mit Migrationshintergrund einzustellen. Viele Stellen im Tourismus sind unbesetzt. Auf 100 offene Lehrstellen in Tirol kommen Beispielsweise nur 7 Lehrstellensuchende. Die Beschäftigung von anerkannten Flüchtlingen kann über das AMS finanziell gefördert werden. Noch viel wertvoller empfinde ich aber die vielen Talente und Ideen die so in den Betriebsalltag eingebracht werden können und die Chance für einen Menschen, die durch jede Arbeitsstelle entsteht.

Zur Zeit sind alleine in Wien rund 15.500 Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte vorgemerkt. Seit Jänner dieses Jahres konnten bereits über ~ 1.000 Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden. Jedes Unternehmen kann und sollte versuchen, geflüchteten Menschen einen Arbeitsplatz und damit eine Perspektive zu bieten.

Vorstellen möchte ich heute aber 10 Projekte, die ganz spezifisch daran arbeiten, das zu ermöglichen. Manche der Projekte sind privat – andere sozial verbunden, aber sie alle haben ein Ziel – neue Arbeits und Lebensräume zu schaffen.

1.MAGDAS HOTEL 
Ein Hotel wie kein Zweites.

Ich mag das Magdas. Von „mag das“ kommt auch der Name Magdas. Das MagdasHOTEL ist ein Projekt der Caritas, das mittlerweile zum Vorzeige-Projekt für Flüchtlingsintegration im Tourismus geworden ist. 88 Zimmer eines früheren Altersheimes wurden von Künstlern , Studenten und Freiwilligen zu Hotelzimmern umgebaut und bieten nun Menschen aus aller Welt Raum als Gäste, Mitarbeiter oder Freunde. Die rund 30 Mitarbeiter sprechen 25 verschiedne Sprachen und kommen aus 14 Nationen – jeder von ihnen bringt eine einzigartige Geschichte mit. Beschäftigt werden geflüchtete Menschen mit Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung, unterstützt von einem kleinen Experten-Team.

2. HOTEL UTOPIA
Wenn Geflüchtete Wilkommenskultur leben

Auch das Hotel Utopia möchte Geflüchteten die Chance geben, zu Gastgebern zu werden und soll gleichermaßen Arbeite- als auch Ausbildungsmöglichkeiten bieten. Schon 2017 soll aus der Utopie Wirklichkeit werden und ein Hotel mit eigenständigem Restaurant, Kulturprogramme sowie Tagungs- und Konferenzangebote entstehen.  Alle Einnahmen werden reinvestiert.

3. REFUGEE CANTINE 
Grundlagenausbildung für gastronomische Berufe

Die Refugee Cantine in Hamburg ist eine Akademie, die Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten eine Grundlagenausbildung für gastronomische Berufe vermittelt. In nur 24 Wochen werden alle erforderlichen Grundlagen in Theorie und Praxis erlernt.  Ein 12-wöchiges Praktikum in einem der gastronomischen Partnerbetriebe soll dann noch intensiver an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt heranführen und den Flüchtlingen bessere Einstiegs-Chancen in den Arbeitsmarkt bieten.

4. REFUG'EAT 
traditionelle Speisen aus der Heimat per Food Truck

Das Münchner Projekt Refug’eat wurde gemeinsam mit geflüchteten Menschen im Rahmen der Social Entrepreneurship Akademie entwickelt. Im Workshop wurde festgestellt, dass in Flüchtlingsheimen meist wenig und schlechtes Essen zur Verfügung steht, dafür gibt es eines im Überfluss: Langeweile. Refug’eat will mit Flüchtlingen gemeinsam Speisen aus ihrer Heimat kochen und Mittags per Food Truck für Unternehmen zur Verfügung stellen -> um Geld einzunehmen, es Abends aber den anderen Flüchtlingen zur Verfügung stellen, damit diese Abwechslung vom üblichen Kantinenessen haben. Ein großes Problem ist leider die fehlende Arbeitserlaubnis vieler Asylbewerber. An einer Lösung und der Umsetzung des Projekts wird noch gearbeitet.

5. HOTEL TOTAL 
Signal für mehr Weltoffenheit

Das Aachener Projekt Hotel Total ist besonders mutig und eröffnet ein Pop-Up Hotel in der Kirche St. Elisabeth. Drei Monate lang – von August bis Oktober – kann in der leerstehenden Kirche genächtigt werden. Stehen soll ein urbaner Ort, „der Platz bietet für Kunst, Kultur und Leben.“ Umgesetzt und betrieben wird das Projekt gemeinsam mit Menschen mit Fluchthintergrund und Langzeitarbeitslosen aus Aachen.

 Neben einem Kultur & Gemeinschaftsraum soll vor allem ein  kreativer Vernetzungsort für Aachen entstehen.

6. HOTEL COSMOPOLIS 
Ein Grandhotel von und für Flüchtlinge

In Augsburg ist in einem leerstehendem Altenheim ein gesellschaftlichen Gesamtkunstwerk entstanden. Es bietet nun Lebensraum für 65 Menschen, die als Asylbewerber/innen bezeichnet und der integrierten Flüchtlingsunterkunft von der Landesregierung zugeteilt werden. Zimmer an Zimmer bietet es zudem Unterkunft für Gäste in 16 individuell gestalteten Hotel-und Hotelzimmern. Auch offene Lernwerkstätten, Ateliers und andere Räumen laden zum kreativ werden und kennenlernen ein. Allgemeiner Treffpunkt ist die Café-Bar, als „kosmopolitisch organisierter Küchenbetrieb“ beschrieben.

7. CHANCEN:REICH 
Österreichs erste Berufsmesse für geflüchtete Menschen

“Die Integration von Flüchtlingen muss über den Arbeitsmarkt laufen” sagt Stephanie Cox, Initiatorin von Chancen:reich. Am 29. Juni findet im Wiener MuseumsQuartier österreichs erste Berufsmesse für Flüchtlinge mit positivem Asylbescheid und subsidiärem Bleiberecht statt. Ziel ist es, Arbeitssuchende zu unterstützen und mit Firmen zusammen zu bringen. Die Messe zählt rund 50 teilnehmende Unternehmen. Gerechnet wird mit ~ 2.000 bis 3.000 Besuchern. Neben den Ausstellern sollen Workshops, Vorträge, CV-Beratung, Foto-Station, Bewerbungstraining bei der Vorbereitung auf die Arbeitswelt helfen.

9. REFUGEES WORK
„Wir bringen Flüchtlinge & Arbeitgeber zusammen“

Die kürzlich gegründete Online-Platform „RefugeesWork“ hilft geflüchteten Menschen bei der Suche nach Volontariaten, Lehren, Praktika und Jobs. Nach der Registrierung können sie sich auf Jobs bewerben. Für Flüchtlinge ist die Platform kostenlos, für Unternehmen kostenpflichtig. Neben der Vermittlung hilft RefugeesWork  auch bei Rechtsfragen und der Integration in den Betrieb.

10. WAllPAPERS FOR REFUGEES
Bussi. Schmäh. Würstelstand.

„Wallpapers For Refugees“ hat in einem riesigen Aufruf an die österreichische Bevölkerung 100 typisch wienerische und österreichische Ausdrücke gesammelt, und diese von Grafikern illustrieren lassen. Die kunterbunten Poster sollen Ankommenden den Einstieg und die Verständigung erleichtern und erste Barrieren brechen.

„Humorvoll, sinnstiftend und typisch österreichisch.
Ein Wortschatz für einen Neustart in Österreich.
100 mal Willkommen auf Augenhöhe.“

Abholen kann man die Poster gegen eine Spende in magdasHOTEL oder im Büro der ViennaDesignWeek.

Es ist schön zu sehen, wie viele großartige Projekte zur Zeit entstehen, und was Offenheit und Engagement alles bewirken können. Es sind natürlich nicht alle Projekte und Betriebe hier vertreten und es werden noch viele andere entstehen, aber ich werde versuchen so viele wie möglich vorzustellen.

Setze auch du ein Zeichen. Erzähle von den Projekten, stelle deinem Betrieb die Plattformen vor oder teile den Artikel. Viele der Projekte suchen ständig nach Freiwilligen, engagiere dich oder hänge einfach ein „Wallpaperforrefugees“ auf und sage: Servus, Bussi, Schmäh und Kaiserschmarren.

4 Kommentare

An Diskussionen teilnehmen.

Cyraantworten
22. Juni 2016 um 11:29

Toller Beitrag !

Amina Stella Steinerantworten
22. Juni 2016 um 18:21
– Als Antwort auf: Cyra

Danke liebe Cyra!

Christinaantworten
12. August 2016 um 15:46

Hallo Amina,
danke für diesen Beitrag! Ich habe auch Tourismusmanagement studiert und suche seitdem den Sinn in dieser Branche. In einem wirtschaftsorientierten Unternehmen wollte ich nicht arbeiten, also habe ich mich entschieden, zu kündigen und eine Weiterbildung zur Interkulturellen Trainerin/Beraterin zu machen und bin nun dabei, mich selbstständig zu machen. Von Magdas Hotel habe ich vor Monaten schon mal gehört und überlege seitdem, ein ähnliches Projekt zu starten und einen Platz zum Arbeiten zu schaffen. Mit den Fähigkeiten, die ich mitbringe einfach mal loslegen und diese mit denen der Geflüchteten verbinden. Es gibt so viel, was wir von den Menschen mit verschiedenen Nationalitäten noch lernen können. Dein Artikel hat mich nochmal zusätzlich dazu motiviert, nun wirklich zu starten.
Viele liebe Grüße,
Christina

Amina Stella Steinerantworten
14. August 2016 um 16:02
– Als Antwort auf: Christina

Liebe Christina,

Ich bin gerade enorm gerührt von deiner Nachricht. Etwas schöneres als Inspiration, Anstoß und Motivation für andere zu sein, kann mir gar nicht erst passieren!
Ich zweifle auch immer wieder am Tourismus und seinen Dynamiken, aber um so mehr ich mich mit alternativen Wegen im Tourismus beschäftige um so mehr Hoffnung habe ich. Es passiert schon so viel tollen und es ist noch so viel Platz für mehr.
Dein Projekt klingt wunderbar. Ich kann dich gerne mit Arianne in Verbindung bringen. Sie war lange Zeit eine der Entscheidungsträgerinnen im Projekt „magdas“ und unterstützt nun neue Projekte im Aufbau. Das wäre sicher eine spannende Person für dich, die dir mit viel Erfahrung zur Seite stehen kann – und ich schreib dann gerne über dein Projekt wenns steht 😉
Liebst,
Amina

Schreibe einen Kommentar

*

EnglishGerman
%d Bloggern gefällt das: